Studio Keramos

Das Studio Keramos ist zu einer richtigen eigenen Werkstatt - fast erwachsen geworden, könnte man sagen. Und in jedem Raum spiegeln sich seine Bewohner: Es mag seltsam klingen, wenn man von einer Mutter zweier Kinder sagt, sie sei erwachsen geworden. Erwachsen ist Susanne Worschech lange schon, aber ihr Weg zu künstlerischen Eigenständigkeit war, nicht zuletzt vielleicht wegen ihrer jahrelangen Lehrtätigkeit, ein langer. Nach ihrer Ausbildung an der PH Erfurt hat sie als Lehrerin eine Runde durch Erfurts verschiedene Bildungseinrichtungen gemacht. Von der Lehrerin an der Sophienschule über die Assistentinnentätigkeit an der PH, die Malschule und die Fachoberschule für Gestaltung ist sie schließlich zur Selbständigkeit gelangt - auch wenn sie nie müde wird zu betonen, daß all dies ohne den großzügigen Einsatz ihres Mannes niemals möglich gewesen wäre. Auf jeden Fall sind die Lehrjahre und Wanderjahre vorläufig abgeschlossen: Erste Meisterwerke liegen vor, die unabhängig betrachtet werden wollen und hier genügend Raum dafür vorfinden. Nein, keine Sorge, die Kinder werden weiter schaffen im neuen Studio, und für ihre Arbeiten im Freien werden sie künftig nur wenige Schritte machen müssen. Doch in ihrer Auseinandersetzung mit der Tätigkeit der anderen, im ständigen Bemühen, den eigenen Impulsen ihrer Schüler einen Raum zu schaffen, hat Susanne selbst soviel Eigenes entwickelt, daß es nun an der Zeit ist, diesen Werken auch einen Platz einzuräumen. Auch vom Gebrauchswert haben sich ihre Werke zum großen Teil mittlerweile gelöst. Schon ihre Keramikschalen, -teller und -tassen hatten und haben einen starken ästhetischen Eigenwert, der ihre Bestimmung zum Gebrauch leicht in den Hintergrund treten läßt. Viel erinnert an die japanischen Keramiken, die zum Sinnbild der weltlichen Harmonie werden, deren äußere Formen zu sprechen beginnen. Neu sind die Bilder oder Reliefs, die jeglichen Anspruch auf Design abgelegt haben. Auch hier, ja besonders hier leuchtet die japanische Ästhetik wieder auf: Vollkommen harmonisch ist nur das Unsymmetrische, das Rauhe, das Irritierende, dasjenige, was Spuren des Gebrauchs oder scheinbare Fehler aufwies. Die Idee der quadratischen Bilder (einer Form, die Susanne Worschech nahe steht, bezeichnenderweise nicht das als vollkommen geltende Runde, sondern das Kantenaufweisende Quadratische) geht darum leichter in einer ganzen Folge auf. Spätestens hier wird deutlich, daß diese, was als Schaden erscheinen mag, Risse und Sprünge, Verfärbungen und Blähungen des Tons, fremdartige Einschlüsse durchaus beabsichtigt sind. Geplant, inszeniert bis ins Letzte sind sie nicht. Susanne läßt auch im Umgang mit dem Ton ein didaktisches Prinzip herrschen: Bedingungen herstellen, die die Entwicklung von Eigenheiten begünstigen. Sie provoziert, aber sie zwingt nicht. Natur soll auch im höchsten Grad der Gestaltung immer wieder hervorbrechen - das Quadrat, der Aluminiumrahmen, der strukturierte Hintergrund fangen die Ausbruchsversuche wieder auf. In der Reihe wird manches sichtbar, was allein gesehen als chaotisch oder sinnlos erscheinen mag. Susanne zitiert bereits existierende Formen, deutet Auflösung an, findet neue Formen der Bändigung. Das ständig zwischen strenger geometrischer Ordnung und willkürlicher Ausbrüchen schwankende Spiel der Bilderreihe, eröffnet dem Betrachter eine neue Sehweise. Wer einige Bilder hintereinander gesehen hat, der braucht die räumliche Nähe der verwandten Werke nicht mehr: Jedes einzelne Bild erzählt ihm eine eigene Geschichte vom Kampf zwischen Chaos und Form. […] Auch das ist wohl ein Prinzip. Design, Zeichen, Entwerfen, Gestalten heißt Ordnung schaffen in einer Welt, deren kreatives Prinzip das Chaos ist, der wir Menschen nur durch Ordnungschaffen eigene Werke entgegensetzen können. Wohin die absolute Ordnung jedoch führt, hat uns unsere Deutsche Geschichte mehrfach gelehrt. Luciano de Crescenzos Wahlspruch: "Ich liebe die Ordnung, um sie zu durchbrechen..." […] könnte von Susanne bedenkenlos unterschrieben werden.

Dr. Julia Draganovic, DIGIT (Deutsch-italienische Gesellschaft in Thüringen)




Tonerde - Farbe - Licht invention et vanitas

Ausgewalzte Platte brüchig und fest, geschwungen und glatt, montiert auf schwarzem Grund. Im feinen Relief der Querrillen liegen Schatten, fängt sich das Licht. Weiß gegen Rot-Orange sich behauptend. Risse, Nabelbahnen gleichend von außen zum Weiß und vom Weiß nach außen. Kommen und Gehen, Bewegungen und Ruhe: ein Sinnbild der fließenden Zeit.

Frank Nolde, Kunsthistoriker, "Kunsthaus Villa Benary", Erfurt




Ein Quadrat ruht auf strukturiertem Grund. Risse brechen die ideale Form. Sie legen eine Spur, der das Auge folgt. Im Zentrum des keramischen Objektes vereinen sich eingeschriebene gleichschenklige Dreiecke wiederum zu einem Quadrat. In der Reihe "The Inner Forces" modifiziert Susanne Worschech dieses Motiv. Durch die in der Konzeption angelegte Willkür des Zufalls bei den feinen Unregelmäßigkeiten des Tonmassen, ihren Tönungen oder den beim Brennen entstandenen Schäden ist jedes Objekt ein unwiederholbares Einzelstück. Wie bei der japanischen Raku-Technik ahmt die Künstlerin den Schöpfungsakt der Natur nach. Unwillkürlich, spontan erwächst das Schöne unter ihren Händen, wird gleichsam geboren. Dabei gründet sich die Spontanität auf reiche Erfahrungen. Handwerk ist Voraussetzung, aber nicht das Ziel des Schaffensprozesses. Im Zen-Buddhismus, dessen künstlerischer Ausdruck die Raku-Keramik ist , wird die Frage nach der Schönheit und nach der höchsten Wahrheit durch einen Hinweis auf das "Nichts" beantwortet. In einer Unebenheit ist das höchste und immer unaussprechliche Geheimnis zu erahnen. Warum verläuft ein Riß so und nicht ganz anders? Was bedeuten Formen und Zahlen? Die staunende Andacht über die in den Objekten verkörperten Natur ist ein Weg, der Gesetze des Kosmos inne zu werden. Dreieck und Quadrat gehören zu den Ursymbolen, die in verschiedenen Kulturen von ähnlicher Bedeutung sind. Das in sich ruhende Quadrat steht für die materielle Welt, für die vier Himmersrichtungen, die vier Elemente. Ein Dreieck kann - je nach Ausrechtung der Ecken - das männliche oder weibliche Prinzip verkörpern. Nach der christlichen Mythologie verweist die Vier auf die vier Evangelisten oder die Paradiesflüsse, die Drei auf die Heilige Dreifaltigkeit. Oberflächen spiegeln die Texturen anderer Stoffe wider. In zwei Arbeiten korrespondieren allein die Binnenformen mit den Strukturen der Untergründe. Der von den Keramiken ausgehende haptische Reiz animiert das Auge, die Nuancen zu erspüren. Eine Schule des Sehens.

Marlis Schmidt, Kunsthistorikerin




susanne worschech und der kult der erde

es gibt künstler, die wissen, daß sie kinder der erde sind n einer erde, welche manchmal in der rauheit felsiger armut erscheint n aber auf der dennoch früchte und blumen gedeihen n und seien es auch nur wüstenrosen. denn n wie alle rosen n wissen auch diese zu blühen. und die erde, welche uns hervorbrachte und die uns trägt und ernährt n und uns nach dem tode zudeckt n kann in einer endlosen vielfalt von formen und weisen gemalt werden n oder portraitiert. pascal malte sie als unendliche kugel, deren mittelpunkt überall, deren umfang nirgendwo ist. doch ein solches bild kann uns n die wir es gewohnt sind, anhaltspunkte zu haben n angst einjagen. in pascals schriften n tournérs kritische ausgabe n die streichungen und zweifel enthalten, wird "unendlich" durch "effroyable" ersetzt: "furchtbar". deshalb wird die von susanne als endlich dargestellt, als quadratisch mit einem eindeutig bestimmbaren mittelpunkt, womit sie uns die sicherheit zurückgibt. vielleicht sind wir n im grunde n jenes zentrum, ein zentrum, von dem aus wir ausdehnung auf unsere umgebung suchen n und finden. um zu wachsen und uns zu vervollständigen. susanne bietet uns ein fichtisches ich an n das sie jedoch von allen idealistischen abfällen befreit hat. eine kugel, die sich endlos ausdehnt, gibt es ebensowenig, wie es die unendlichkeit gibt: es gibt das quadrat n welches solide und beruhigend wirkt n zumeist ist es in vier fächer unterteilt n vielleicht enthalten sie die vier kardinalpunkte n die uns zur orientierung dienen. und uns orientieren bedeutet, uns bewegen und suchen und forschen, um leichter zu uns selbst zu finden n um das zentrum wiederzufinden. Das erzählt uns susanne mit ihren portraits der erde. und die träume, welche dadurch in uns wach werden, sind keine schreiende träume n wie etwa alpträume n sondern ruhige, liebkosende, die es verstehen, uns sicherheit zu schenken n die sanfte sicherheit des endlichen. Und auch manch ungewollter riß ist nicht entfremdend: alles in allem handelt es sich dabei um die zufälle des lebens, die uns gelegentlich auflauern, um tiefe kerben in unsere herzen zu schlagen.

giancarlo mariani, bozen - oktober 1997




Spuren des Bauhauses

...Die drei Künstlerinnen haben unterschiedliche Aspekte der Bauhausidee in den Vordergrund ihrer Arbeitsweise gerückt. Susanne Worschech trägt in ihre Werke am bewußtesten die Geometrisierung der Bauhausästhetik hinein. Auffällig ist die Nähe zur Raumgestaltung und zur Architektur. Ihr Objekte sind nie schmückende Zutat zur Einrichtung, sondern immer selber Teil der Ausstattung. Als Ausgangspunkt bleibt die geometrische Form in der Reihe quadratischer Wandobjekte immer erkennbar. Zwar wird mit Ihr gespielt, aber selbst dann bleibt die Form noch gefaßt im quadratischen Rahmen und ruht auf den parallelen Rillen der Wellpappe, die in allen Objekten dieser Art innere Form und Rahmen wie mit Fäden verbindet. ...

Cornelie Becker, Kunstkritikerin